2011 ♦ Der zerbrochene Krug ♦ Grenz-Echo Bericht

Samstag, den 29. Januar und Sonntag, den 30. Januar 2011 in Hauset

Grenz-Echo vom 31. Januar 2011

Hauseter Theater Gaudium brachte Heinrich-von-Kleist-Klassiker »Der zerbrochene Krug« mit Erfolg zur Aufführung

Nichts an Doppelsinn und Feinsinn verloren

Von Elli Brandt

Hauset

»Der zerbrochene Krug« von Heinrich von Kleist – nicht gerade ein selten gespieltes Stück. In ihrer Originalfassung kommt die Kriminalkomödie in gestelzt anmutenden Versen daher. Das Theater Gaudium in Hauset entschied sich für eine moderne Adaptation und wurde von seinem Publikum mit viel Zuspruch belohnt.

Kurz, schnörkellos und dennoch auf den Punkt gebracht. »Kleist hätte sich bestimmt nicht beschwert, denn da ist ja noch alles drin«, meinte ein Zuschauer nach der Premiere am Samstagabend in der Mehrzweckhalle in Hauset. Doch auch die Vorlage von Josef Carl Grund verlangte einiges von den Schauspielern. Der Text musste »sitzen«, denn auch hier kommt es auf die Feinheiten an. Der moderne Text hat nichts an Anspielung, an Doppelsinn und Feinsinn verloren.

Gute Rollenverteilung

Es geht nicht nur um den in Scherben gegangenen Krug. Witwe Marthe (Palmyre Keutgen) muss die Ehre ihrer Tochter Eve (Vanessa Heeß) verteidigen. Für Ruprecht (Wim Vanstreels), der beschuldigt wird, den Krug zerbrochen zu haben, steht weit mehr als Gefängnis oder Geldstrafe auf dem Spiel. Und dann Richter Adam (Olivier Kirschvink), der wahre Bösewicht in dem Spiel, der sich höchst ungeschickt in immer weitere Lügen verstricken muss.

Ein leuchtendes Riesengemälde, das vor Aufführungsbeginn das Publikum einstimmt, zeigt das Paradies nach dem Sündenfall. Adam und Eva haben sich bedeckt. Der verbotene Apfel ist gepflückt. Also Ende der Unschuld. Dem bunten Bild folgt ein minimalistisches Bühnenbild, alles in SchwarzWeiß. Doch weit weg von Tristesse. Es darf sogar mächtig gelacht werden, über die Dialoge zwischen Dorfrichter Adam und dem Gerichtsschreiber Licht (Sebastian Xhonneux), über jeden Auftritt der Dienstmädchen Grete und Liese (Cécilie Piel und Julia Theissen). Und doch bleibt der ernste Hintergrund des Stücks spürbar.

Alle Rollen hat Regisseur Günther Lorreng sehr gut besetzt. Olivier Kirschvink mimt einen Dorfrichter, der an einen kahlköpfigen Mafiaboss denken lässt. Sebastian Xhonneux scheint die Rolle des cleveren Gerichtsschreibers auf den Leib geschrieben. Alain Solheid überzeugt als Gerichtsrat. Kindliche Unschuld vermittelt Vanessa Heeß als Eve nicht nur durch ihr weißes Kleid, sondern drückt sie durch Stimme und Haltung aus. Cool agiert Wim Vanstreets als Ruprecht, zeigt besonders viel Bühnenpräsens. »Er erinnert ziemlich an Til Schweiger«, schwärmt eine junge Zuschauerin nach der Aufführung.

Palmyre Keutgen als Witwe Marthe zetert, weint und greint und lässt sich dennoch nicht auf einen einfachen Charakter reduzieren. Simonne Schoofs als Frau Brigitte, die glaubt, dem Teufel persönlich begegnet zu sein, legt in ihre Aussage vor Gericht besonders viel Temperament, zur Freude der Zuschauer. Und selbst Veil der Bauer, gespielt von Dietmar Spörl, der nicht viel Text hat, geht in dem Geschehen nicht unter. Auffällig für ein Laientheater: Auch diejenigen, die nicht gerade einen Text sprechen, zeigen Präsenz, wirken durch Mimik und Körperhaltung, bestimmen das Bühnengeschehen mit.

Mitten in die heutige Realität wird Kleists »Der zerbrochene Krug« gesetzt, denn es gibt einen Prolog und ein Schlusswort, vorgetragen von Henning Lindenschmidt. An Korruption und Skandale, alle im vergangenen Jahr passiert, werden die Zuschauer erinnert. Im Nachwort erfahren sie, dass das Badische Staatstheater die ungewöhnliche Idee hatte, den Fall des Dorfrichters Adam vor ein heutiges Gericht zu bringen. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe wurde zur Bühne, mit Juristen als Richter und Schauspielern als Darsteller.

Zur langen Liste der Anklagepunkte zählten sexuelle Nötigung, Erpressung, Bestechung, Urkundenfälschung, Amtsmissbrauch, Korruption und Unterschlagung von Staatsgeldern. Bereits einige Jahre vorher hatte in einem anderen Theaterstück die Große Strafkammer des Landgerichts Osnabrück Richter Adam aus »Der zerbrochene Krug« zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Ehrenklasse

Drei Aufführungen des Kleist-Stücks gab es am vergangenen Wochenende in Hauset, alle mehr oder weniger ausverkauft. Auch die Jury war offensichtlich von der Inszenierung angetan. »Die höchste Einstufung, die Ehrenklasse, bleibt uns erhalten«, freut sich Regisseur Günther Lorreng.

Am 9. April wird das Theater Gaudium ihr Stück »Der zerbrochene Krug« in »Deidenberg aufführen, im Rahmen einer Aktion der Organisation Menschen für Menschen, und zwar um 20 Uhr im Saal »Zum Tünnes«. Im Mai geht das Theater Gaudium auf Einladung der Deutschsprachigen Gemeinschaft mit Kleist auf Tournee, tritt in Eisenhüttenstadt und Frankfurt an der Oder auf.


Der zerbrochene Krug
Eine moderne Adaptation der Kriminalkomödie von Heinrich von Kleist
Regie: Günther Lorreng