2008 ♦ Die verlorene Ehre der Katharina Blum ♦ Grenz-Echo Bericht

Samstag, den 26. Januar und Sonntag, den 27. Januar 2008 in Hauset

Grenz-Echo Bericht vom 31.01.2008

Theater Gaudium ließ Heinrich Böll wieder auferstehen

Verlorene Ehre und gutes Gewissen

Von Caroline Conrads

Hauset

Nach der erfolgreichen Aufführung der Gesellschaftssatire »Trautes Heim, Glück allein« im vorigen Jahr präsentierte sich das Theater Gaudium am Wochenende mit »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« noch einmal von seiner klassischen Seite.

Mit der Idee im Hinterkopf, »einfach mal was anderes zu machen« und »neue Wege einzuschlagen«, wie Günther Lorreng, Regisseur und Gründer des Theater Gaudiums erzählt, wurde das Alternativtheater vor genau 20 Jahren ins Leben gerufen. Seither bereichern die bis aufs Kleinste einstudierten und ausgearbeiteten Stücke, welche die Truppe aufführt, die aus einem festen Kern und einigen Neuzugängen besteht, das kulturelle Leben und Treiben in der Ortschaft Hauset.

»Dieses Jahr war einfach noch mal ein Klassiker an der Reihe«, erklärt Günther Lorreng die Wahl des Stückes. Zudem sei der kürzlich stattgefundene 90. Geburtstag des im Jahre 1985 verstorbenen Romanautors Heinrich Böll ein weiterer Beweggrund gewesen. »Ich bin erstaunt darüber, wie populär das Buch noch heute ist. Es gehört zum Beispiel an vielen Schulen immer noch zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht.«

Zeitreise in die siebziger Jahre

Schon bei der Ankunft am Aufführungsort »Treffpunkt Hauset« wurde das Publikum mit der Thematik konfrontiert: Als Journalisten verkleidete Schauspieler rasten durch die Reihen und priesen den Gästen gekonnt das als Zeitung getarnte Programm an. Zeitgenössische Musik versetzte die Erschienenen in die 70er Jahre, in denen das Stück sowohl von Böll verfasst wurde als auch tatsächlich spielt.

»Wer kann sich dagegen wehren, was in der Zeitung steht?« – spätestens mit diesem Lied dürfte dem Publikum der Inhalt des Theaterstücks nahe gelegt worden sein. Für noch mehr Klarheit sorgte die Stellvertreterin, gespielt von Vanessa Heeß, die eine Art Gedankenvermittlerin zwischen Böll und den Zuschauern verkörperte und einige moralisch-anstößige Gegebenheiten, wie beispielsweise das Abhören von Telefongesprächen, die so genannten »Zäpfchen«, zur Sprache brachte, um so den Zuschauern die Hintergründe des Stückes zu offenbaren.

Im Laufe einer Diskussion zwischen Staatsanwalt Peter Hach (Patrick Lorreng), Kriminalhauptkommissar Erwin Beizmenne (Oliver Kirschvink) und der Beamtin Pletzer (Simonne Schoofs), erhält das Publikum einen Einblick in das Geschehen: Die unbescholtene Hausangestellte Katharina Blum (Isabelle Chantraine) wird beschuldigt, dem gesuchten Schwerverbrecher Ludwig Götten nach einer gemeinsam verbrachten Nacht zur Flucht verholfen zu haben.

Obwohl die Ermittler der nicht ganz unschuldigen Katharina Blum nichts nachweisen können, gelingt es dem gewissenlosen Journalisten Werner Tötges (Sebastian Xhonneux), ihre blütenreine Weste durch Verdrehen der Tatsachen und von ihm betriebene »Artikulationshilfe« zu beschmutzen und sie als »Gangsterliebchen« der Öffentlichkeit zum Fraß vorzuwerfen. Mit in diesen Schlund der ungewollten und zerstörerischen Bekanntheit geraten auch Katharinas Arbeitgeber, die Blornas (Henning Lindenschmidt und Gerta Foxius), die, genau wie ihre Patentante Else Woltersheim (Palmyre Keutgen), die einzige Unterstützung und den Halt im Leben der Hausangestellten darstellen. Auch ein Verehrer Katharinas, der »Herrenbesuch« Alois Sträubleder (Günther Lorreng), wird von der Presse nicht außen vor gelassen, kann sich jedoch aus der Affäre ziehen, indem er seine Kontakte spielen lässt, jedoch ohne dabei auch nur einen Gedanken an Katharina zu verschwenden.

Nicht genug, dass Tötges massiv ins Privatleben der jungen Frau eindringt, hinzu kommt noch, dass er mit Hilfe seiner fragwürdigen Arbeitsmethoden den Tod ihrer Mutter herbeiführt.

»Ich will wissen, wie der aussieht, der mich auf dem Gewissen hat.« Mit diesen Worten kündigt Katharina eine Begegnung mit Tötges an, von der sie nicht mal ihre Patentante und deren Freund Konrad Breiters (Dietmar Spörl) abhalten können. Eine geschändete, stolze Frau und ein selbstverliebter Journalist treffen aufeinander, eine hochexplosive und gefährliche Mischung, wie sich am Ende herausstellt…

Eine gute und eine schlechte Nachricht

Trotz reichlich positiver Resonanz seitens des Publikums scheint die Truppe des Theater Gaudiums die Jury nicht ganz überzeugt zu haben, wie es bisher fast immer der Fall war. »Die Kriterien der Jury unterscheiden sich nun mal von denen des Publikums«, sagt Günther Lorreng. »Wir haben uns ein unwahrscheinlich anspruchsvolles Stück ausgesucht, in dem nicht viel Action und Tumult vorkommen.« Ein bisschen enttäuscht seien sie schon, aber schließlich sei die Reaktion des Publikums ihnen noch ein Stück weit wichtiger, so Lorreng.

Eine gute Nachricht gab es am Sonntag dennoch zu vermelden: Das kulturelle Komitee der Stadt Eupen hat den Schauspielern ein weiteres Engagement verschafft. Am Sonntag, dem 13. April wird das Stück im Eupener Jünglingshaus zu sehen sein.


Die verlorene Ehre der Katharina Blum
Nach einer Erzählung von Heinrich Böll
Regie: Günther Lorreng