2012 ♦ Der Revisor ♦ Grenz-Echo Artikel

Samstag, den 17. März und Sonntag, den 18. März 2012 in Hauset

Grenz-Echo Artikel vom 20. März 2012

Theater Gaudium mit »Der Revisor« in der Ehrenklasse bestätigt

Pointenreiches Stück zeitgemäß entstaubt

Von Annick Meys

Hauset

Die Theatergruppe Gaudium präsentierte am Wochenende in der Mehrzweckhalle in Hauset eine moderne Adaption des bekannten Stücks »Der Revisor« des russischen Autors Nikolai Gogol. Das Stück ist eine Rarität, aber heute genauso aktuell wie bei seiner Uraufführung im Jahr 1836 in St. Petersburg.

Raffinierter Witz, erfrischende Situationskomik und eine gehörige Portion Ironie: Das sind die Zutaten, die den Revisor zu einer bissigen Komödie machen, wie sie aktueller kaum sein könnte. Die Griechenland-Pleite ist nur eine von unzähligen Anspielungen.

Regisseur Günther Lorreng präsentierte bei der Premiere am Samstagabend eine pointenreiche Aufführung. Zeitgemäß entstaubt, gekürzt und zugespitzt. Die Farce wurde gehörig auf die Spitze getrieben. Alle Figuren sind trefflich überzeichnet, gar lustig ist die Korruption.

Inkognito auf dem Weg

In einem kleinen russischen Provinznest wird die Nachricht verbreitet, ein Revisor sei inkognito auf dem Weg in die Stadt, eine amtliche Prüfung stehe ins Haus. Helle Aufregung. Die Beamten zittern, allen voran der schmierig schleimige und bösartige Bürgermeister (Olivier Kirschvink), denn Korruption, Bestechung, Erpressung und Unterschlagung sind hier an der Tagesordnung. Konkrete Missstände sind in den Institutionen festzustellen, Bürger führen Beschwerde gegen ihren Bürgermeister. Betrogen der Kaufmann (Dietmar Spörl) und ausgepeitscht die Unteroffizierswitwe (Simonne Schoofs). Den Beamten steht das Wasser bis zum Hals. Ein Klüngel ersten Ranges.

Fälschlicherweise hat man einen jungen Beamten aus St.Peterburg, der seit einiger Zeit im Gasthaus absteigt, als den vermeintlichen Prüfer ausgeguckt, und eine turbulente Komödie nimmt ihren Lauf. Hinter dem gefürchteten Revisor verbirgt sich der junge Iwan Alexandrowitsch Chlestakow, der sein ganzes Geld verspielt hat und nun in der Provinz festsitzt. Darum kommen ihm die Avancen der Beamten gerade recht, ihn aus seiner Finanzmisere zu retten. Die Stadtelite ist auffallend eifrig bemüht, ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Jeder versucht, sich mit dem unbekannten Gast gut zu stellen.

Aber wie besticht man einen Revisor? Schüchtern und vor Angst zitternd der Schulinspektor (Patrick Lorreng), raffiniert die Krankenhausverwalterin (Anne Renardy) und naiv die Bezirksärztin (Cécile Piel). Die übrigen Charaktere fügen sich, sehr zum Vergnügen des Publikums, tadellos in das verrückte Treiben ein. Ob nun der neugierige Postbeamte (Sebastian Xhonneux), der kein Briefgeheimnis kennt, der Richter (Stephan Offermann) mit Vorliebe für großzügige Gaben, des

Bürgermeisters liebestolle Gattin (Palmyre Keutgen) und seine eitle Tochter (Vanessa Heeß) oder die Stadtbewohner Dobtschinskij und Bobtschinskij (Peter Zeimers und Jannis Mattar) mit Hang zu Höherem. Als Diener und Mägde treten der listige Osip (Wim Vanstreels), das schüchterne Hausmädchen des Bürgermeisters (Julia Theissen) und die Kellnerin (Simonne Schoofs) auf.

Chlestakow wird umgarnt, umschmeichelt, verkuppelt, gesponsert und geschmiert. Auch die Frauen hängen dem Aufschneider an den Lippen. Zuerst duckt, windet, wendet sich der bankrotte Hochstapler, dann – hat er erst einmal seinen Vorteil begriffen – macht er sich einen Heidenspaß aus der Angst und der Unterwürfigkeit seiner Gastgeber und kassiert immer dreister ab. Groß von Gestalt und mit ausladender Gestik und eindrucksvoller Mimik wirbelt der falsche Revisor (Alain Solheid) über die Bühne.

Falschspiel wird zum Selbstläufer

Großartig die Szene, in der er immer trunkener wird. Er genießt das süße Leben, das man ihm bietet, und denkt nicht im Traum daran, den Irrtum der Stadtbeamten aufzuklären. Das Falschspiel um den Revisor, das alle Beteiligten mit ungeheurer Energie spielen, wird zum Selbstläufer. Während die einen ihr Rückgrat verbiegen, vergisst Chlestakow, wer er tatsächlich ist. Denn ein Revisor ist er beileibe nicht. Vielmehr ein abgebrannter Taugenichts.

Mit prallem Geldbeutel stiehlt er sich schließlich davon. Niemand, abgesehen vom Publikum, durchschaut den Betrug. Als der falsche Revisor längst über alle Berge ist, fliegt die Verwechslung auf, und der Polizist (Günther Lorreng) verkündet die Ankunft eines Revisors.

Wie schämt sich doch der Bürgermeister, der am Ende zur lächerlichsten Figur in diesem Täuschungsmanöver wird. Dumm gelaufen! »Worüber lacht ihr denn?«, verteidigt er sich vor dem Publikum, »ihr lacht doch über euch selbst«. Denn das Stück könnte überall spielen, zu jeder Zeit.

So gelang der Truppe eine wirklich gelungene Inszenierung, die nach der Pause Fahrt aufnahm und das Tempo bis zum Finale hielt.

Das Theater Gaudium wurde mit »Der Revisor« seitens der Jury für Laienbühnen in der Ehrenklasse bestätigt.